Weniger Kleidung. Mehr Stil.

Ich wollte eigentlich neue Kleidung kaufen.

Eine gute Jacke für den Herbst. Ordentliche Schuhe. Vielleicht einen neuen Pullover. Ein paar Hemden. Eine Wollhose.

Der Grund war simpel: Mein Kleiderschrank fühlte sich langweilig an. Obwohl genug darin hing, griff ich morgens meistens zu denselben Sachen. Jeans, Polo oder Pullover. Fertig.

Also dachte ich zunächst: Mir fehlt Kleidung.

Dann habe ich meinen Kleiderschrank einmal konsequent durchgesehen.

Das Ergebnis war ziemlich überraschend: Mir fehlte gar nicht so viel.

Ich hatte vor allem zu viel vom Gleichen.

Viel Kleidung bedeutet nicht viel Auswahl

Mehrere mittelblaue Jeans. Mehrere schwarze Oberteile. Mehrere dunkelblaue Pullover. Dazu Kleidungsstücke, die eigentlich ganz okay aussahen, die ich aber trotzdem fast nie anzog.

Und genau dieses „eigentlich ganz okay“ war ein Problem.

Keines dieser Kleidungsstücke war wirklich schlecht. Aber wenn fünf Pullover nebeneinanderliegen und ich trotzdem immer zu denselben zwei greife, sorgen die anderen drei nicht für mehr Auswahl.

Sie sorgen nur für mehr Kleidung.

Zehn ähnliche Kleidungsstücke ergeben nicht zehn verschiedene Outfits.

Also habe ich angefangen auszusortieren.

Nicht nach irgendeiner Capsule-Wardrobe-Vorgabe und auch nicht nach einer festen Anzahl von Kleidungsstücken.

Stattdessen musste jedes Teil ein paar ziemlich einfache Fragen überstehen:

Trage ich es gerne?

Fühlt es sich gut an?

Sitzt es wirklich gut?

Hat es eine Funktion, die nicht schon mehrere andere Kleidungsstücke erfüllen?

Und die vielleicht beste Frage:

Würde ich es heute noch einmal kaufen?

Erstaunlich viele Sachen bestanden diesen Test nicht.

Qualität beginnt für mich inzwischen beim Anfassen

Eine weitere Erkenntnis kam über das Material.

Ich habe beispielsweise einen Pullover, dessen Farbe, Schnitt und Passform mir eigentlich richtig gut gefallen. Trotzdem ziehe ich ihn kaum an.

Als ich ihn beim Aussortieren bewusst in die Hand genommen habe, war mir auch klar, warum.

Nylon.

Ich mag schlicht nicht, wie sich das Material anfühlt.

Bei einigen Hosen war es ähnlich. Viel Polyester und Elasthan. Optisch funktionieren sie durchaus. Business Casual, sauber geschnitten, eigentlich nichts auszusetzen.

Trotzdem greife ich selten danach.

Daneben liegen Merino, Baumwolle oder Wolle – und schon das Anfassen macht mehr Spaß.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Kunstfasern grundsätzlich schlecht sind. Bei Funktionskleidung haben sie beispielsweise absolut ihre Berechtigung.

Aber ich habe für mich verstanden:

Haptik gehört zur Qualität eines Kleidungsstücks.

Wenn ich ein Kleidungsstück schon nicht gerne anfasse, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, dass es irgendwann zu einem Lieblingsstück wird.

Aussortieren bedeutet nicht ersetzen

Dann kam die nächste Erkenntnis.

Wenn sechs Pullover den Kleiderschrank verlassen, könnte man natürlich sofort sechs bessere kaufen.

Damit wäre der Schrank nach zwei Wochen wieder genauso voll.

Also habe ich mir eine andere Frage gestellt:

Welche der aussortierten Sachen fehlen mir danach tatsächlich?

Die Antwort war überraschend oft: keine.

Wenn ich einen Pullover zwei Jahre kaum getragen habe, muss ich nicht zwingend einen besseren Pullover kaufen, der exakt dieselbe Funktion übernimmt.

Vielleicht brauche ich diesen Pullover einfach nicht.

Aus mehreren aussortierten Kleidungsstücken kann deshalb durchaus ein einziges wirklich gutes neues Teil werden.

Ein hervorragendes neues Kleidungsstück darf mehrere mittelmäßige alte ersetzen.

Damit wurde meine Einkaufsliste plötzlich kleiner statt größer.

Klassiker statt ständig neuer Trends

Gleichzeitig habe ich angefangen, mich intensiver mit klassischen Kleidungsstücken zu beschäftigen.

Nicht unbedingt luxuriös. Auch nicht möglichst teuer.

Sondern mit Dingen, die es teilweise seit Jahrzehnten gibt und die vermutlich auch in zehn Jahren noch funktionieren.

Ein Oxford-Hemd.

Eine graue Wollhose.

Ein guter Chukka Boot.

Eine Harrington-Jacke.

Eine gewachste Field Jacket.

Ein vernünftiger Wollmantel.

Merino-Strick.

Plötzlich wurde auch der Gebrauchtmarkt interessant.

Denn bei solchen Kleidungsstücken ist „gebraucht“ etwas völlig anderes als bei schnelllebiger Mode.

Eine hochwertige Wachsjacke kann gepflegt, nachgewachst und repariert werden. Gutes Leder entwickelt Patina. Eine klassische Wollhose wird nicht deshalb unmodern, weil eine neue Saison begonnen hat.

Und vor allem hat jemand anderes häufig bereits den größten Wertverlust bezahlt.

So kann eine Jacke, die neu mehrere hundert Euro kostet, gebraucht plötzlich für einen Bruchteil davon auftauchen.

Das finde ich inzwischen wesentlich spannender, als ständig günstige Neuware zu kaufen.

Das Schnäppchen hat allerdings eine Falle

Gebraucht kaufen kann aber genauso schnell zum nächsten Konsumproblem werden.

Eine Hose kostet neu 300 Euro und wird für 70 Euro angeboten.

Der erste Gedanke:

230 Euro gespart.

Das stimmt aber nur, wenn ich genau diese Hose ohnehin kaufen wollte.

Brauche ich sie nicht, habe ich keine 230 Euro gespart.

Ich habe 70 Euro ausgegeben.

Das klingt banal, verändert aber die Art, wie ich mittlerweile Angebote betrachte.

Nicht kaufen, weil etwas günstig ist. Kaufen, weil ich genau dieses Kleidungsstück gesucht habe und es zusätzlich günstig ist.

Deshalb versuche ich inzwischen zuerst eine Lücke zu definieren und anschließend nach dem passenden Kleidungsstück zu suchen.

Nicht andersherum.

Maße schlagen Größenetiketten

Gerade beim Gebrauchtkauf kam noch eine praktische Erkenntnis dazu.

M, L, 48, 50, W31 oder W32 suggerieren eine Genauigkeit, die es in der Realität kaum gibt.

Eine Hose in W32 kann vollkommen anders ausfallen als die nächste W32. Bei Hemden ist es nicht anders.

Also habe ich angefangen, meine gut sitzenden Kleidungsstücke auszumessen.

Bundweite.

Achsel zu Achsel.

Schulterbreite.

Ärmellänge.

Rückenlänge.

Damit habe ich plötzlich eine viel bessere Referenz als irgendeine Größentabelle.

Ein gebrauchtes Hemd mit 55 Zentimetern Brustweite kann ich mit einem Hemd aus meinem Schrank vergleichen, das mir gut passt.

Maße schlagen Größenetiketten.

Gerade wenn es beim Gebrauchtkauf kein einfaches Zurücksenden gibt, nimmt das erstaunlich viel Unsicherheit aus der Entscheidung.

Mein Stil braucht keinen Namen

Zwischendurch habe ich versucht herauszufinden, wie der Stil eigentlich heißt, den ich suche.

Smart Casual?

Heritage?

Classic Menswear?

Preppy?

Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Bezeichnung gar nicht so wichtig ist.

Ich möchte erwachsen und gut angezogen aussehen, ohne steif zu wirken.

Klassisch, ohne altmodisch zu sein.

Lässig, ohne jeden Tag in Jeans, Sneakern und irgendeinem Pullover zu enden.

Und ich möchte Kleidungsstücke besitzen, die ich gerne anfasse, gerne anziehe und möglichst lange behalten kann.

Daraus ergibt sich fast automatisch eine Farbwelt, die gut miteinander funktioniert: Navy, Grau, Offwhite, Bordeaux, Braun, Olive, Taupe und Denim.

Keine dieser Farben ist besonders spektakulär.

Aber genau das ist vielleicht der Punkt.

Sie müssen nicht einzeln spektakulär sein.

Sie müssen miteinander funktionieren.

Nicht teuer kaufen. Gut kaufen.

Früher habe ich Kleidung häufig in einer relativ ähnlichen Preisklasse gekauft.

Nicht besonders teuer. Dafür immer wieder etwas Neues.

Irgendwann war das Kleidungsstück verschlissen, gefiel mir nicht mehr oder wurde einfach durch das nächste ersetzt.

Mittlerweile frage ich mich, ob das tatsächlich günstiger war.

Ein Schuh für 100 Euro, den ich nach zwei Jahren ersetze, ist nicht automatisch günstiger als ein Schuh für 250 Euro, den ich viele Jahre gerne trage und vielleicht sogar reparieren lassen kann.

Entscheidend ist nicht nur der Kaufpreis.

Es geht um Passform, Material, Nutzung, Haltbarkeit und Freude am Produkt.

Und deshalb bedeutet „hochwertiger kaufen“ für mich auch nicht, plötzlich nur noch teure Marken zu kaufen.

Ein gut sitzendes, gebrauchtes Oxford-Hemd für 35 Euro kann ein viel besserer Kauf sein als ein neues Hemd für 120 Euro.

Der Preis allein sagt erstaunlich wenig.

Weniger Kleidung. Mehr Stil.

Ich dachte lange, besser gekleidet zu sein bedeute vor allem, die richtigen Sachen zu kaufen.

Mittlerweile glaube ich, dass es fast umgekehrt ist.

Guter Stil entsteht zuerst dadurch, die falschen Sachen nicht mehr zu kaufen.

Weniger Dopplungen.

Weniger „eigentlich ganz okay“.

Weniger Kompromisse bei Passform und Material.

Dafür Kleidungsstücke, bei denen ich morgens gerne zugreife.

Mein Kleiderschrank ist nach dieser Aktion kleiner geworden.

Aber meine tatsächliche Auswahl fühlt sich größer an.

Fragen oder eigene Erfahrungen?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert